Der hat schon mehr von der Welt gesehen als wir!

Warum Berliner Studierende gern in alten Fracht-Containern wohnen? Ich erinnere mich noch gut an meine erste eigene Studentenbude. Klein, gemütlich und billig war sie, mit bunten Vorhängen und selbstgemalten Bildern an der Wand. Seitdem sind mehr als 15 Jahre vergangen und die Mieten in beliebten deutschen Städten steigen mittlerweile in fantasievolle Höhen. Auch in Berlin sind die Zeiten niedriger Immobilienpreise längst vorbei. Gefragt sind also clevere Lösungen für bezahlbaren Wohnraum – vor allem für Singles und Studenten. Vorbilder für gut durchdachte Miniapartments gibt es viele, zum Beispiel aus Japan, London und New York. Jörg Duske, Bauherr des Projekts EBA51 im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick hat sich jedoch in Amsterdam inspirieren lassen; von einem Containerdorf für Studenten.

Eba51 Welcome To Fabulous Plaenterwald

Ich gebe zu, ich war zunächst skeptisch als ich von dem „rostigen Studentendorf“ hörte. Wohnen im Container... ist das nicht eng, dunkel, stickig und ungemütlich? Um diese Frage beantworten zu können habe ich mich mit zwei Studentinnen verabredet, die in so einem Wohncontainer leben. Und was soll ich sagen? Ich wäre am liebsten direkt mit eingezogen!

Zum Konzept: Das Büro Holzer Kobler Architekturen Zürich und Berlin ist verantwortlich für den Entwurf des Containerdorfs EBA51 am Berliner Plänterwald. Auf dem ca. 11.000 qm großen Gelände direkt an den S-Bahn-Schienen entstehen aktuell drei Gebäudekomplexe aus gestapelten Containern, die eine Art Studentendorf bilden sollen. Fertig ist bisher jedoch erst der kleine Kopfteil des mittleren Komplexes „Johnny“, in dem 15 Studierende wohnen. Im April sollen die Single- und Double-Apartments von „Nelly“ bezugsfähig sein. Der Rest ist noch Baustelle.

Eba51 Sina Ulrike Und Pueppi 2

Zwei Studentinnen öffnen mir die Türen zu ihren Containern: Sina, Regiestudentin in Berlin, ist bereits im April 2014 mit ihrem Hund Püppi dort eingezogen. Sie wird wehmütig wenn sie daran denkt, dass sie nach ihrem Abschluss ausziehen muss. Ulrike studiert Grundschullehramt und ist seit September 2015 Sinas Nachbarin. Die zwei sind seit der Schulzeit beste Freudinnen und dementsprechend froh, dass zufällig neben Sina ein Single-Apartment für Ulrike frei wurde. „Für jetzt ist der Container super, aber ich freu mich schon darauf, in eine richtige Wohnung zu ziehen. So mit separater Küche und Zimmern, die vom Flur abgehen,“ erzählt mir Ulrike.

Die beiden jungen Frauen fühlen sich wohl in den Containern, die in ihrem früheren Leben vollbepackt mit Fischdosen, Computer-Zubehör oder Baumwoll-T-Shirts um die Welt geschippert sind. Dass rundherum noch Baustelle ist, von den geplanten 311 Container-Apartments erst ein Bruchteil bewohnbar ist und die Außengestaltung mit Sonnenwiese, Schwimmteich und Boule-Bahn erst nach ihrem Studienabschluss entstehen wird, stört die beiden nicht.

Sina schüttelt den Kopf. „“Nein, wir wohnen hier nicht weil es cool ist.“ Ulrike überlegt: „Wenn das Container-Studentendorf in Kreuzberg stehen würde, hätte das Wohnprojekt vielleicht mehr Prestige.“ Sinas Mutter hat damals im Radio von den Plänen zu EBA51 gehört und wusste direkt, dass so ein Container genau das Richtige für ihre Tochter sei. Sie hatte Recht. „Ich wohne hier weil es praktisch und gemütlich ist“ sagt Sina. Besonders gut gefällt den beiden Studentinnen die Gemeinschaft mit den anderen Bewohnern. „Im Sommer sitzen wir jeden Tag zusammen draußen und quatschen – und das macht das Leben hier auch aus!“ schwärmt Sina vom Containerleben. Auch die Reduktion auf das Wesentliche trifft ihren Geschmack. „Ich finde dieses minimalistische Wohnen super. Ich habe kaum Zeug, kaum Möbel. Das ist doch toll!“ Ulrike lacht. „Bei mir sieht es nicht so aus. Ich hab nicht nur drei Gläser wie Sina, sondern schon einiges Zeug in der Küche und im Bad. Ich brauche das auch.“

Eba51 Sinas Badezimmer

Um sich im Container richtig wohl zu fühlen haben beide Studentinnen ihren kleinen Wohnraum individuell gestaltet. Mit eigenen Möbeln, Teppichen, Bildern, Collagen und Lampen lässt sich auch auf 26 Quadratmetern ein gemütliches, funktionales Studi-Zuhause schaffen. Sina findet „man muss es sich schon ein bisschen selbst gestalten, sonst ist es unpersönlich.“ Doch ganz einfach ist das nicht, weil die Container-Bewohner nichts an die Wände hängen dürfen. Es ist also Kreativität gefragt: Poster werden an die Küchenschränke geklebt, Fotos an einer Wäscheleine quer durch den Raum gespannt oder große Bilderrahmen auf Regale gestellt.

Eine individuelle Einrichtung ist vor allem Ulrike wichtig. „Mit mir sind einige Möbel aus meinem vorherigen WG-Zimmer in den Container eingezogen. Mir wäre ein komplett vormöbliertes Apartment zu anonym.“

Nachdem ich mich von den beiden Studentinnen verabschiedet habe, führt mich Tina Sorgenlos über die Baustelle. Die Kommunikationsdesignerin ist für das Interieur der Studenten-Container verantwortlich. Das zentrale Deko-Objekt in jedem Container ist eine Fototapete – natürlich keine kitschige, sondern eine trashig-coole. „Das passt gut zu Berlin und dem rostigen Look der Container,“ erklärt mir Tina. „Alle Fotos für die Tapeten habe ich selbst in Berlin, London, New York und Tel Aviv geschossen.“ Sie zeigen Ausschnitte des urbanen Stadtlebens und werden auf Fleece-Tapeten gedruckt. „Die Farbkonzepte der Wände und der Linoleum-Böden habe ich dann an die Fotomotive angepasst.“ Tina zeigt mir auf der Baustelle beispielhaft einige Container, die fast bezugsfähig sind. Das Zusammenspiel von Fototapete und Farbe ist sehr harmonisch und gefällt mir gut. Die Möbel, die Tina für die Studenten-Apartments ausgesucht hat sind schlicht, weiß, leicht abwaschbar und stabil. Dazu noch eine kleine Küchenzeile, Badezimmer-Objekte, Vorhänge, Lampen... fertig!

Naja, fertig ist EBA51 natürlich noch nicht. Zwei weitere Bauabschnitte stehen demnächst an und Tina Sorgenlos zählt auf, was außerdem noch fehlt: „Wir haben einen riesigen Garten geplant. Mit einem Teich, Volleyball-Feldern, Grillplätzen, Sonnenwiesen, genug Platz für Fahrräder und so weiter. Wir hoffen, bis April 2017 ist alles fertig!“

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