Die Renaissance der Nachbarschaftsliebe

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„Schatz, wir haben keine Eier mehr!“ Es ist Sonntagmorgen. Reichlich Butter und Zucker knirschen in der Küchenmaschine und ich habe zwei Kilo Äpfel für meinen Lieblingskuchen geschnippelt. Doch woher bekomme ich jetzt vier Eier? Zögerlich denke ich darüber nach, bei den Nachbarn zu fragen. Wir sind neu zugezogen, kennen die mich überhaupt schon? Störe ich beim Sonntagsfrühstück? Nervt das, wenn ich unangekündigt vor deren Tür stehe? All diese Fragen in meinem Kopf zeigen mir eine traurige Wahrheit auf: Ich habe einfach verlernt, wie ich zu meinen Nachbarn ein nettes Verhältnis aufbaue. Und nun?

Ina Brunk Nebenan De Ina Brunk. Foto: nebenan.de

Nachbarschaftsliebe... wie geht das noch mal?

Auf der Suche nach Hilfe stoße ich auf eine Expertin für nachbarschaftliche Beziehungen: Ina Brunk ist Mitgründerin von nebenan.de, einem sozialen Netzwerk nur für Nachbarn. Die Plattform soll es Menschen wie mir erleichtern, ihre Nachbarn kennenzulernen, sich gegenseitig zu helfen und den eigenen Kiez mitzugestalten. Die Marken- und Kommunikationsexpertin weiß, warum es mir und meiner Generation so schwer fällt, Kontakt zu den eigenen Nachbarn zu knüpfen. Schuld daran sind unsere Mobilität, unsere totale globale Vernetzung und dass wir im Alltag so sehr mit uns selbst und all unseren Möglichkeiten beschäftigt sind. „Wir haben den Akt der Höflichkeit, sich nach dem Einzug bei den Nachbarn vorzustellen, total verlernt. Bei unseren Eltern war das noch selbstverständlich“, erklärt mir Ina Brunk. „Doch wir lassen uns kaum noch an einem Ort dauerhaft nieder, wir ziehen Jobs hinterher, sind über soziale Netzwerke mit Menschen auf der ganzen Welt vernetzt – da verliert man schnell aus dem Auge, wer oder was direkt nebenan ist.“

Raus aus den vier Wänden: Hyperlokalität löst den Wohntrend Cocooning ab

Die vergangenen zwei Jahrzehnte waren geprägt vom Cocooning – also der Lust, sich in die eigenen vier Wände zurückzuziehen und es sich dort besonders gemütlich zu machen. Jetzt, verrät mir Ina Brunk, ist ein Gegentrend zu beobachten, nämlich die Hyperlokalität. „Die Menschen wollen sich nicht mehr nur in ihrer Wohnung wohlfühlen, sondern auch in dem Haus, in der Straße und in dem Viertel, in dem sie leben.“ Nach Jahren des Rückzugs interessiert es die Menschen nun also wieder, neben wem sie wohnen. Sie wollen Teil einer Nachbarschaft, einer Community werden und dort aktiv sein, etwas bewegen. In den deutschen Städten wächst eine neue Loyalität zum eigenen Wohnviertel. 

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Menschen möchten sich in ihrer Nachbarschaft zu Hause fühlen

Auch die Ergebnisse des IKEA Life at Home Reports 2016 zeigen deutlich, dass Nachbarschaftsbeziehungen zurzeit eine Renaissance erleben. Für den Life at Home Report wurden nun zum dritten Mal in Folge weltweit über 12.000 Menschen zwischen 18 und 88 Jahren befragt, was für sie das Gefühl von „Zuhause“ ausmacht. Jeder zweite Befragte gibt an, dass es menschliche Beziehungen sind, die aus einem Wohnraum ein Zuhause machen. Interessant ist: Im internationalen Vergleich sind es vor allem die befragten Berliner, die sich nicht nur in ihren vier Wänden zu Hause fühlen, sondern auch im angrenzenden öffentlichen Raum (49% in Berlin vs. 37% global). 30 Prozent der in Berlin Befragten geben an, es sei für sie ein sehr wichtiger Aspekt, die Nachbarn besser kennenzulernen, um sich wirklich zu Hause zu fühlen. Der Trend zur Entdeckung und Wiederbelebung der eigenen Nachbarschaft lebt also besonders stark in Berlin auf.

Digitale Nachbarschaftsnetzwerke helfen bei der Kontaktaufnahme

Um zu lernen, unseren Nachbarn wieder näherzukommen, können digitale Nachbarschaftsnetzwerke wie nebenan.de ein praktisches Werkzeug sein. Ganz neu ist die Idee jedoch nicht: Im Jahr 2010 wurde in den USA bereits das Portal nextdoor.com gegründet. Während dort das Thema Sicherheit im Vordergrund steht, geht es bei nebenan.de eher darum, das wachsende Gemeinschaftsbedürfnis der Menschen zu befriedigen.

Hauptnutzer sind vor allem Familien, die sesshaft werden wollen und Anschluss suchen, sowie Senioren, die gerne helfen, sich in ihrem Viertel gut auskennen und ihre Kenntnisse an andere weitergeben möchten. Ina Brunk beobachtet: „In den deutschen Städten gibt es viele Menschen, die den Kontakt zur Außenwelt verloren haben. Denen hilft unsere Plattform dabei, erste Kontakte zu ihren Nachbarn aufzubauen.“ Nach der Kontaktaufnahme treffen sich die Menschen zum Walken, Handarbeiten oder Spielen. Sie verabreden sich, um sich gegenseitig zu helfen oder zusammen ihre Nachbarschaft zu verschönern. „In Hamburg gab es ein verwahrlostes Rondell, das acht nebenan.de-Nutzer einfach auf eigene Faust bepflanzt haben. Der eine hatte das Know-how, ein anderer das Werkzeug, jemand besorgte Blumen, ein anderer erstellte einen Gießplan für den Sommer“, erinnert sich Ina Brunk. „Das ist toll! Die Menschen fühlen sich wieder verantwortlich für ihre Nachbarschaft, sie haben den Wunsch nach sozialer Verantwortung und Sinnhaftigkeit.“

Sei nett! Sei ehrlich! Sei hilfsbereit!

Diese drei goldenen Regeln von nebenan.de nehme ich mir zu Herzen, lade mir motiviert die App herunter und registriere mich im Netzwerk. Sind es jetzt nur noch wenige Klicks zur neuen digitalen Nachbarschaftsliebe? Leider nein, denn es gibt in meiner Kleinstadt noch keine einzige bestehende Community. „Unser Portal ist in den großen Städten gestartet und sickert jetzt erst langsam in kleinere Städte durch“, tröstet mich Ina Brunk. „Es müssen sich mindestens 100 Nachbarn registriert haben, dann fängt das Netzwerk an zu leben.“ Die Idee für das Portal hatte übrigens Mitgründer Christian Vollmann, als er einmal innerhalb Berlins umzog und ein Jahr später noch immer niemanden im Wohnhaus kannte. Er fasste sich ein Herz, klingelte bei den Nachbarn und stellte sich vor. Genauso wie unsere Eltern das gemacht hätten. Es geht zur Not also auch ohne App – wir brauchen dafür nur etwas mehr Zeit und Mut.

Für die Eier habe ich meinen Mann dann übrigens zur Tankstelle geschickt. Aber von dem Apfelkuchen habe ich einige Stücke eingepackt. Mit denen gehe ich jetzt einfach mal nach nebenan und klingele an der Tür. Auf eine gute Nachbarschaft! 

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