Faszination Tiny Homes: ein Interview über den großen Charme der kleinen Häuser

Tiny Homes sind klitzekleine mobile Häuser für moderne Nomaden. Ein solches Minihaus ist zwischen sechs und 20 Quadratmeter groß und wird meist auf Rädern montiert. So sind die Bewohner unabhängig und können ihren Arbeits- und Lebensplatz frei wählen und nach Lust und Laune wechseln. Die kleinen Eigenheime stehen aber nicht nur für individuelle Freiheit, sondern sind auch ein weltweiter Trend unter Minimalisten, die gern mit leichtem Gepäck leben.

Tiny Home 7 Jochen Mueller Schreinerei Und Schaeferwagenbau Tiny Home 5 Jochen Mueller Schreinerei Und Schaeferwagenbau Tiny Home 6 Jochen Mueller Schreinerei Und Schaeferwagenbau Tiny Home 3 Jochen Mueller Schreinerei Und Schaeferwagenbau Tiny Home 1 Jochen Mueller Schreinerei Und Schaeferwagenbau

Jochen Müller ist Schreinermeister und baut individuelle Minihäuser auf Rädern. In seiner kleinen Werkstatt in Deißlingen lässt er gemeinsam mit seinen vier Mitarbeitern kleine Wohnträume aus Holz wahr werden. Uns hat er im Interview erzählt, was ihn an seiner Arbeit begeistert, wie so ein Haus entsteht und welche Rolle Tiny Homes in der Zukunft des Wohnens spielen werden.

Herr Müller, warum bauen Sie Minihäuser?

Jochen Müller: Na, weil das nie langweilig wird! Seit 10 Jahren mache ich das schon und jeder Kunde bringt neue Ideen und Wünsche mit. Häufig haben sie schon jahrelang von so einem Minihaus geträumt und dann macht es mir natürlich Spaß, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn das Haus dann fertig ist und wir es übergeben können, dann passiert es nicht selten, dass dem Kunden Freudentränen in die Augen steigen. Das ist der schönste Grund, warum ich Minihäuser baue.

Und woher kommt diese Begeisterung bei Ihren Kunden? Warum träumt man von einem Leben auf 6 Quadratmetern? 

Jochen Müller: Ich denke, die Begeisterung rührt daher, dass diese Wagen Mobilität, Vielseitigkeit und Nachhaltigkeit vereinen. Lassen Sie mich das kurz erklären: Der Besitzer eines Minihauses auf Rädern ist sehr mobil und genießt die Freiheit dorthin zu fahren, wo zum Beispiel gerade die Sonne scheint. So ein Wagen ist auch unheimlich vielseitig: mal ist er ein Rückzugsraum, mal ein Extra-Zimmer für Teenager, eine Jagdhütte oder einfach nur ein Ort, an dem der Familienvater ungestört Bundesliga gucken will. Nachhaltig sind die Wagen, weil sie eine Familie bis zu 20 oder 30 Jahre begleiten.

Wenn ich mit der Planung für mein Traum-Minihaus beginne: Was muss ich beachten, damit es ein richtiger Wohlfühlwagen wird?

Jochen Müller: Sie träumen auch von einem Minihaus? Da sind Sie nicht alleine. 80% unserer Auftraggeber sind nämlich Frauen! Besonders wichtig ist qualitativ hochwertiges Material, damit Sie lange Freude an Ihrem Wagen haben. Und für den Wohlfühlfaktor empfehle ich gutes Holz. Das lebt, das duftet, darin lebt es sich einfach gut. Wir verwenden für die Außenwand Massivlärche und für den Fußboden handgehobelte und geölte Eiche. Für das Dach setzen wir nicht auf Bitumen, das ist zu billig und blättert nach zwei bis drei Jahren ab, sondern verarbeiten Titan und Zinkblech – das hält ewig! Wir dämmen die Häuser mit Hanf, das ist für uns und den Kunden gesund, außerdem ist es leicht zu verarbeiten. Und riechen tut es auch gut.

Ein wichtiger Faktor für das Wohlfühlen sind natürlich Ihre individuellen Wünsche, die wir in unserer Werkstatt für Sie umsetzen. Möchten Sie morgens Ihren Kaffee draußen trinken? Dann bauen wir für Sie eine Veranda. Die Fenstergröße spielt auch eine große Rolle, eine große Terrassentür ist toll oder Oberlichtfenster für begeisterte Sternengucker. Und auch die Größe des Wagens ist entscheidend. Manchmal stellt sich der Kunde einen zu großen Wagen vor und plant ihn falsch. Man kann also sagen, dass auch unsere Beratungsleistung Einfluss auf den Wohlfühlfaktor hat.

Erinnern Sie sich an besonders spannende Wünsche Ihrer Kunden? Haben Sie persönlich Lieblingsaufträge?

Jochen Müller: Na klar! Für eine Kundin aus der Schweiz haben wir kürzlich einen Kutschenwagen gebaut. Sie wollte ein Jahr lang auf Reisen gehen und ihr Ross sollte den Wagen ziehen. Da mussten wir also sehr auf das Gewicht des Wagens achten. Eine andere Dame wollte ein luxuriöses Minihaus mit Solarpanels für ihren Garten – ein acht Meter langes Ding mit allem Drum und Dran. Viel Spaß gemacht hat auch der Bau zweier Häuschen für einen Ferienbauernhof – da durften wir nämlich bei der Auslieferung ein Wochenende Ferien machen!

Aber Spaß beiseite, es gibt auch sehr rührende Aufträge. Im November 2015 hat ein Kunde seiner krebskranken Frau einen bunten Zirkuswagen mit Veranda zum Geburtstag geschenkt. Den hatte sie sich schon als kleines Mädchen gewünscht. Da haben wir alle ganz schön geschluckt und wussten, wir haben etwas richtig Gutes gemacht.

Wie lange muss ich denn warten, bis ich mein Minihaus in Empfang nehmen darf? Und was kostet mich das eigentlich?

Jochen Müller: Wir bauen etwa drei Häuschen pro Monat und sind bis 2017 ausgelastet. Einfache Wagen gehen recht schnell, also vier bis acht Wochen, ein Unikat dauert von der Planung bis zur Auslieferung deutlich länger, also eher drei bis sechs Monate. Jeder dritte Interessent ist zu ungeduldig und möchte nicht so lange warten. Darum entwickeln wir gerade ein neues Serienmodell, das wir nebenbei bauen und schneller ausliefern können. Das ist nur 2,5 m lang, kostet ca. 10.000 Euro und kann von denn meisten Autos gezogen werden. Die Kosten für ein individuelles Tiny Home sind natürlich höher und können je nach Ausstattung bei bis zu 80.000 Euro liegen.

Sagen Sie mal, darf ich mir mein fertiges Häuschen dann einfach so auf ein Grundstück stellen? Oder auf einen Campingplatz? Kennen Sie die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland?

Jochen Müller: Wichtig ist, dass Ihr Tiny Home nach Straßenzulassung gebaut ist: maximal 2,3 m Breite und 6 m Länge. Dann kann ein PKW das auch noch ziehen. Sie brauchen einfach ein belastbares, verzinktes Fahrgestell mit 3,5 t Traglast. Das stellt ein Fahrzeugbauer extra für unsere Häuschen her.

Mein Tipp: Gehen Sie zum Bauamt und fragen Sie nach, ob es unmittelbar an Ihrem eigenen Haus oder auf dem Grundstück einen Parkplatz gibt. Dann dürfen Sie nämlich einen Wohnwagen hinstellen, da gibt es auch mit einem Tiny Home fast nie Probleme. Es wird dann offiziell als mobiles Gartenhaus deklariert. Auf einem Campingplatz dürfen Sie mit einem Minihaus auch stehen, nur in Mitteldeutschland gilt eine alte Campingorder, die nur klassische Wohnwagen akzeptiert.

Woran müssen Sie noch denken? Zum Beispiel an eine Buchse für die Energieversorgung oder ein kleines Solarmodul für LED-Licht und Ihren Laptop. Außerdem brauchen Sie eine Lösung für Frischwasser und Abwasser, ich empfehle auch eine Bio-Kompost-Toilette. Dann steht dem Leben im Tiny Home nichts mehr im Wege!

Meinen Sie denn, dass Tiny Homes in Deutschland eine Zukunft haben?

Jochen Müller: Ja, absolut! Tiny Homes sind aktuell sehr beliebt, sie müssen aber bezahlbar sein. Der Trend geht zum Minihaus mit integrierter Küche und Veranda, in dem eine Familie mit vier Personen zusammen Urlaub machen kann. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich zukünftig Studenten zusammen tun, sich ein Grundstück mieten und dort ein Tiny Home zum Wohnen hinstellen. Auch für Jungfamilien ist so ein mobiles Minihaus eine gute Alternative zur klassischen Wohnung. Ich glaube fest daran, dass Tiny Homes in Deutschland noch eine große Zukunft haben.

Toll, ich freue mich drauf. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Müller!

http://www.ikea-unternehmensblog.de/article/2016/faszination-tiny-homes-ein-interview-ueber-den-grossen-charme-der-kleinen-haeuser