„Ich bin doch mobil – nur anders!“

Wie gut gelingt es uns bei IKEA, auch für schwerbehinderte Mitarbeiter Arbeitsbedingungen zu schaffen, die ihnen die Teilhabe am Berufsleben ermöglichen? Um dieser Frage nachzugehen, habe ich unsere schwerbehinderte Kollegin Bianca Leski an ihrem Arbeitsplatz besucht. Die 38-Jährige arbeitet als Verkäuferin im IKEA Einrichtungshaus Ulm. Wegen Multipler Sklerose (MS) sitzt die 38-Jährige seit zwei Jahren im Rollstuhl. Ich habe mit ihr über ihren Arbeitsalltag gesprochen.

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Mit dem Rollstuhl auf der Verkaufsfläche – das ist ungewöhnlich. Wie kommst Du klar im Einrichtungshaus?

Bianca: Sehr gut! Ich komme mit meinem Arbeitsstuhl überall hin. Schwierig sind eigentlich nur die schweren Türen im Mitarbeiterbereich, die keine automatische Öffnung haben. Ich habe allerdings auch den Bereich gewechselt, seit ich nicht mehr mit dem Rollator, sondern mit diesem Hilfsmittel unterwegs bin: Früher war ich hauptsächlich bei den Sofas, heute arbeite ich schwerpunktmäßig bei den Regalen. Dort ist es etwas geräumiger.

Dein Arbeitsstuhl ist kein normaler Rollstuhl, oder?

Bianca: Richtig, es ist ein so genannter Arbeits- und Haushaltsstuhl. Das besondere an ihm ist, dass er höhenverstellbar ist. So kann ich am Info-Schalter mühelos den PC bedienen. Er gibt mir die Möglichkeit, meinen Job trotz Handicap gut zu machen.

Dass man Kunden auch im Rollstuhl sehr gut beraten kann, habe ich eben selbst gesehen. Gibt es trotzdem Einschränkungen durch deine Krankheit?

Bianca: Ja, ich kann heute keine Möbel mehr aufbauen und natürlich auch nicht ständig hin und her rennen. Ich arbeite auch nur noch in der Frühschicht – für die Spätschicht fehlt mir die Kraft.

Wie gehen Kunden und Kollegen mit dir um?

Bianca: Die Kunden reagieren meistens sehr cool und sagen, dass sie es toll finden, dass ich trotz Schwerbehinderung hier arbeite. Viele loben auch IKEA dafür, dass das möglich ist. Besonders Kinder begegnen mir mit viel Neugier. Ich gehe offen damit um – schließlich weiß ich, dass Verkauf ein Job ist, bei dem man gesehen wird!

Meine Kollegen sind auch klasse: Sie akzeptieren total, dass ich nicht jede Aufgabe übernehmen kann und sind sehr hilfsbereit. Das zu akzeptieren ist eher mein Problem: Ich hatte immer Angst, eine Last fürs Team zu sein – auch wenn mir nie jemand das Gefühl gegeben hat. Deshalb musste ich auch erst lernen, Hilfe anzunehmen.

Du engagierst dich im Betriebsrat und in der Schwerbehindertenvertretung – warum?

Bianca: Ich denke, dass ich hier meine persönlichen Erfahrungen und das Wissen, dass ich mir im Laufe der Jahre angeeignet habe, zum Wohl anderer Kollegen einbringen kann.

Was wünschst Du dir?

Bianca: Dass ich keine Sonderrolle einnehme, sondern einfach meinen Job machen kann. Und dass es noch möglichst lange so weitergeht. Sollte sich mein Zustand so verschlechtern, dass ich irgendwann die volle Erwerbsminderungsrente bekomme, würde ich gern trotzdem noch ein paar Stunden bei IKEA arbeiten. Das schlimmste für mich wäre, wenn man mir irgendwann sagen würde, dass man mich nicht mehr brauchen kann. Aber das erwarte ich eigentlich nicht, denn bisher habe ich IKEA als sehr kooperativen Arbeitgeber erlebt, und dafür bin ich dankbar – ich denke, das ist nicht selbstverständlich.

Danke, dass wir dich begleiten durften und alles Gute für dich.

Zahlen und Standpunkte

Bei IKEA steht der Mensch im Mittelpunkt – jeder einzelne in seiner Einzigartigkeit und Individualität. „Gerade beim Thema Schwerbehinderung spüren die Mitarbeiter am eigenen Leib, ob unseren Worten auch Taten folgen“, weiß Nicole Peper, Mitglied der Landesleitung von IKEA Deutschland.

Aktuell arbeiten 612 schwerbehinderte Kolleginnen und Kollegen bei IKEA Deutschland, unter ihnen viele, von deren Behinderung Außenstehende gar nichts merken. Denn auch Diabetes oder eine Krebserkrankung können Ursache für eine Schwerbehinderung sein.

In 43 Häusern gibt es eine Schwerbehindertenvertretung (SBV), die ab 5 schwerbehinderten Kollegen gewählt werden kann und ein eigenständiges Organ neben dem Betriebsrat ist. Zu ihren Aufgaben gehören die Beratung und Unterstützung von Kollegen beim Stellen von Anträgen und bei Problemen am Arbeitsplatz, die Unterstützung des Arbeitgebers z.B. beim Beantragen von Fördermitteln und die Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem Integrationsamt.

„Schwerbehinderte Kollegen fühlen sich meistens nicht als krank, sondern sehen das Handicap als Teil ihrer Person. Sie sind hochmotiviert im Job ihre Leistung zu bringen. Die Teilhabe am Arbeitsleben ist extrem wichtig – nicht nur, aber auch für Schwerbehinderte. Denn Arbeit ist mehr als Geldverdienen, sie bedeutet auch soziales Umfeld, Ansprache, Kontakte und Wertschätzung“, sagt Alexander Hoffmann, Vorsitzender der Gesamtschwerbehindertenvertretung.

http://www.ikea-unternehmensblog.de/article/2016/ich-will-keine-sonderrolle-einnehmen