Integration von Nachhaltigkeit in alle Unterneh­mensbereiche von IKEA

Ich habe mich sehr über die Einladung von IKEA Deutschland gefreut, in der Firmenzentrale in Wallau ein paar Hintergrundgespräche zum Thema „Nachhaltigkeit“ führen zu dürfen. Mir war es wichtig, über ganz unterschiedliche MitarbeiterInnen aus verschiedenen Abteilungen ein möglichst ganzheitliches Bild zu bekommen. Mich hat bei dem Austausch besonders die Rolle der Mitarbeiter als Gestalter des Unternehmens interessiert.

Ikea Csr Lampe Web

Daher haben sich die Gespräche um die provokanten These des World Business Council for Sustainable Development gedreht: „CSR – HR = PR“ (Corporate Social Responsibility – Human Ressource = Public Relation). Diese Formel soll aussagen, dass wenn ein Unternehmen das Thema unternehmerische Verantwortung ohne das Personalmanagement betreibt, ergibt sich daraus eine reine Aufgabe für die Öffentlichkeitsarbeit. Mit diesem Ansatz laufen Unternehmen Gefahr, des Greenwashings bezichtigt zu werden.

Umsetzung Top-Down und Bottom-Up

Wie viele große Unternehmen steht IKEA vor der Herausforderung, den Aspekt der Nachhaltigkeit in alle Bereiche der Wertschöpfungskette zu integrieren. Dazu gibt es beim schwedischen Möbelriesen unterschiedliche Maßnahmen von Top-Down, also von der Unternehmensleitung her gedacht, und Bottom-Up, also vom Mitarbeiter her gedacht. Für den ersten Ansatz hat IKEA auf der internationalen Ebene den ehemaligen Umweltaktivisten Steve Howard für die Vorstandsposition „Chief Sustainabiliy Officer“ gewinnen können. Von dieser Position aus werden Visionen und internationale Strategien formuliert. Eindrücke darüber bekommt man in dem inspirierenden TED Talk von Steve Howard Auch auf der Länderebene ist das Thema auf der obersten Führungsebene angesiedelt. Mit Ulf Wenzig besitzt IKEA Deutschland in der deutschen Geschäftsleitung auch einen weiteren  Überzeugungstäter, den ich in unserem Gespräch sehr engagiert und authentisch erlebt habe. Wenzig hat mir gegenüber sein persönliches und sehr visionäres Ziel genannt: Er möchte langfristig die Aufgaben der heutigen Nachhaltigkeitsabteilung soweit in alle Unternehmensbereiche verankern, dass sich die Arbeit in der Abteilung irgendwann minimieren würde.

Mitarbeiter als Change-Agents

Die Führungskräfte spielen bei der Implementierung und Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsansatzes eine zentrale Rolle. Da das Management-Prinzip von IKEA „Leading by example“ lautet, ist es besonders wichtig, dass die Führungskräfte sich mit dem Thema Nachhaltigkeit inhaltlich beschäftigen und praktische Erfahrungen in der Umsetzung sammeln. Aber nicht nur die Führungskräfte werden als Wandlungsagenten verstanden. Der Prozess der Unternehmensentwicklung ist sehr komplex und Änderungsimpulse sind auf unterschiedlichen Ebenen notwendig. Eine zentrale Rolle spielt bei IKEA der Bereich Human-Ressource-Management. Dort wird das Thema Nachhaltigkeit nicht als separates Thema gesehen, sondern es stellt als Querschnittsthema einen festen Bestandteil in allen Maßnahmen zur Mitarbeiterentwicklung dar. Die Erfolge diese Ansatzes sind sichtbar: Die Akzeptanz für das Thema ist bei den IKEA Mitarbeitern sehr hoch. Laut der regelmäßig durchgeführten Mitarbeiterbefragung fühlen sich rund 80% der Mitarbeiter verantwortlich für den sozial-ökologischen Impact von IKEA. An dieser Stelle setzt IKEA weiter an, um das Verständnis von nachhaltigem Konsum bei den Mitarbeitern weiter zu fördern. Bei einem Produkttesterprogramm können Mitarbeiter nachhaltige Produkte zu Hause testen, um dann über authentische Produkterfahrungen bei Kollegen und Kunden zu berichten (z.B. Stromersparnis durch neue Kühlschränke).

Global denken – lokal handeln

Da die meisten der rund 155.000 weltweiten Mitarbeiter im Verkauf tätig sind, fand ich das Gespräch mit Martin Goldberg, dem Store-Manager des IKEA Einrichtungshauses in Hanau, besonders interessant für mich. Wir sprachen u.a. darüber, wie die globalen Nachhaltigkeitsinitiativen vor Ort bei den Mitarbeitern des Einrichtungshauses ankommen. Entgegen meiner Erwartung gibt es auch bei den Mitarbeitern im Verkauf ein hohes Interesse an dem Thema Nachhaltigkeit. So haben seine Mitarbeiter eine Art eigenen „Nachhaltigkeitsrat“ gegründet, der Ideen für den lokalen Wandel entwickelt und umsetzt. Unter der nationalen Kampagne des „guten Nachbars“ möchte IKEA Deutschland die unternehmerische Verantwortung der Filialen vor Ort fördern. In Hanau wurden dazu beispielsweise Gartenprojekte in Schulen und die Unterstützung des lokalen Frauenhauses realisiert. Bemerkenswert fand ich dabei die Rückkopplung an das Gesamtsystem anhand des Beispiels der Flüchtlingshilfe. Ausgehend von einigen Mitarbeitern wurde eine nationale Initiative kurzfristig ins Leben gerufen, die innerhalb kürzester Zeit Erstausstattungen wie Möbel und Geschirr im Wert von über 1,5 Mio Euro zur Verfügung stellte. Diese für die Ankömmlinge wertvollen Hilfsgüter wurden dann von den Mitarbeitern vor Ort verteilt.

Konsumenten im nachhaltigen Lebensstil fördern

Martin Goldberg bestätigte auch den Trend bei den Konsumenten, nachhaltig zu konsumieren. Immer häufiger interessieren sich IKEA Kunden für die sozial-ökologischen Aspekte der Produkte. In diesem Zusammenhang wurde mir noch mal deutlich, welche Rolle IKEA für das Mainstreaming des nachhaltigen Konsums spielen kann. Hier sieht IKEA sich auch in der Verantwortung und möchte Kunden dazu inspirieren, nachhaltiger zu leben. Das Zitat Ulf Wenzigs finde ich sehr passend in diesem Zusammenhang: „Nachhaltig leben muss für die breite Masse erschwinglich sein.“ Dafür werden besondere neue Produkte in den Bereichen Ressourcenschutz, Müllvermeidung und Do-it-Yourself entwickelt. Ein schönes Beispiel der Transformationskraft der IKEA Kunden wird anhand dieser Rechnung deutlich: Würden alle  Mitglieder des IKEA Kundenclubs eine konventionelle Glühbirne gegen eine energiesparenden LED-Birne wechseln, dann würde so viel Strom gespart, wie 600.000 Haushalte in Europa pro Jahr durchschnittlich verbrauchen. Mit einem Kundenstamm von über 51 Mio. Personen in Deutschland sehe ich dort einen großen Hebel für die nachhaltige Entwicklung.


Das bisher Erreichte und große Ziele 

Nachfolgend noch ein paar Fakten in diesem Kontext: 50% des Holzes bei IKEA ist aktuell FSC-zertifiziert, bis 2020 sollen es 100% sein. 100% der Baumwolle ist nach dem Better Cotton Programm zertifiziert. Es gibt nur noch LED-Leuchtmittel bei IKEA zu kaufen. Styropor wurde als Verpackungsmittel aus den Läden verbannt. Plastiktüten gab es noch nie und die wiederverwertbare blaue IKEA Einkaufstasche ist als Multitalent in den meisten deutschen Haushalten. Ich habe diese Tasche schon häufig als Umzugshelfer weiterverwendet. 

Eine weitere bemerkenswerte Initiative von IKEA ist der Plan, von Energie- und Rohstoffen autark zu werden. Bis 2020 soll 100% des Energiebedarfs aus eigenen regenerativen Energiequellen stammen. Heute sind es bereits 53%. Auch im Bereich Stoffströme denken die Menschen bei IKEA sehr weit. Die durchschnittliche Recyclingquote im Bereich Müll liegt bei 85%. Auch hier gibt es das 100%-Ziel. Im Sinne der Idee einer Kreislaufwirtschaft laufen bei IKEA auch unterschiedliche Pilotprojekte. So wird z.B. in Belgien experimentiert, wie durch Reparierservice und Upcycling die Lebensdauer von Produkten erhört werden kann. Es gibt auch ein anderes Pilotprojekt, wo Kunststoff wieder gesammelt wird und in neue Produkte einfließt – erste Produkte aus dieser Linie sind im Handel verfügbar. Das Projekt Circular IKEA hat das Ziel, die gesamte IKEA Wertkette in einem Closed Loop Modell im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu gestalten.

Ein Imagewandel ist notwendig

Nun komme ich abschließend zu meiner größten Erkenntnis: Viele Möbel bei IKEA sind sehr leicht, was für mich und viele nachhaltige Konsumenten erst einmal als „billig“ anmutet. Dieser sparsame Einsatz von Ressourcen ist jedoch kulturell von Anfang an in der Unternehmensgeschichte verankert. IKEA wurde nämlich im Smårland, dem „Schwabenland der Schweden“, gegründet. Sparsamkeit ist dort eine große Tugend bzw. laut einem Zitat des IKEA Gründers Ingvar Kamprad ist Verschwendung die größte Sünde der Menschheit. Von daher ist die Leichtigkeit der Produkte das Ergebnis einer effizienten Produktentwicklung. 

Ich denke, hier liegt eine große Herausforderung von IKEA in der Kommunikation. Das Image von „Wegwerfmöbeln“ ist bei mir persönlich auch durch einen IKEA-TV-Spot der 90er-Jahre geprägt worden. Dort wurde die gesamte Wohnungseinrichtung aus dem Fenster geschmissen mit dem Hinweis, dass man sich bei IKEA gut und günstig neu einrichten kann. Das eine solche Botschaft nicht mehr zeitgemäß ist, haben die Entscheider längst erkannt. 

Zusammenfassend und in Bezug auf die eingangs erwähnte Formel „CSR-HR=PR“ kann ich sagen, dass IKEA auf einem sehr guten Weg ist, das Thema Nachhaltigkeit in alle Unternehmensbereiche zu integrieren. Das Bewusstsein bei den Mitarbeitern hinsichtlich der notwendigen Veränderungen ist bereits stark ausgeprägt und eine partizipative Unternehmenskultur erleichtert die Umsetzung. Ich wünsche allen Mitarbeitern und Partnern von IKEA viel Erfolg, Freude und Inspiration bei dieser komplexen Aufgabe. Möge eines Tages ein Einkauf bei IKEA die Welt nicht nur schöner, sondern auch besser machen. 

http://www.ikea-unternehmensblog.de/article/2016/integration-von-nachhaltigkeit-in-alle-unternehmensbereiche-von-ikea