„Wir werden wieder mehr Bücher in die Hand nehmen – zum Lesen, zum Anfassen, zum Gestalten“

Auch wenn sich das Jahr dem Ende neigt, wollen wir nur kurz zurückschauen und dann einen Blick in die Zukunft wagen: Vor zwei Jahren feierte IKEA 40-jähriges Jubiläum, denn 1974 öffnete in München-Eching das erste IKEA Einrichtungshaus in Deutschland seine Türen. Anlässlich eines solchen Jubiläums gibt es viele Gründe für einen Blick zurück. Man könnte die Wohnkultur und die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte unter die Lupe nehmen oder den Einfluss des schwedischen Designprinzips darstellen und veranschaulichen. Wir aber haben uns dazu entschlossen, den Blick nach vorn zu richten und über den Tellerrand zu schauen. Deshalb befragten wir namhafte Experten aus vielen unterschiedlichen Bereichen nach ihren Visionen für das Wohnen und Leben in 40 Jahre. Eine davon ist Sinja Schütte, Chefredakteurin der Magazine „flow“ und „Living at Home“:

Ikea Sinja Schuette Sinja Schütte.

Wie ist Ihre Vision für das Wohnen und Leben in 40 Jahren?

Sinja: Ich glaube, dass die technologische Entwicklung auch in den nächsten 40 Jahren die treibende Kraft bleibt. Alleine wenn man sieht, wie rasant die Entwicklung in den zurückliegenden Jahren war. Ein Beispiel: 2005, als Papst Benedikt XVI. inthronisiert wurde, hielten auf dem Petersplatz einige wenige ihr Handy in die Höhe, um ein Foto zu machen. Bei der Vorstellung von Papst Franziskus als seinem Nachfolger vor drei Jahren zeigten die Fernsehbilder ein Meer von Displays. Ich bin daher der Meinung, dass die Art, wie wir künftig leben und erleben, durch die Technik stark beeinflusst wird. Führende Internetfirmen wie Google und Facebook beschäftigen sich aktuell mit diesen Themen und kaufen sich die Technik und die Unternehmen hinzu, die ihnen künftig einen Vorsprung versprechen. Wir werden in Zukunft das meiste mit dem Handy steuern und unser Leben dadurch in vielen Bereichen einfacher gestalten. Es wird meiner Meinung nach aber eine Wellenbewegung geben: Erst hin zu noch mehr Technik und dann wieder zu weniger Technik, zu gezieltem Technikeinsatz in unserem Leben. An den Punkten, an denen mich der Fortschritt als Mensch, als Individuum unglücklich macht, ziehe ich mich wieder aus dieser Umklammerung heraus.

Als Kontrapunkt zur Technologie wird es einen Trend zum echten Erleben, zu echten Kontakten geben. Wir werden wieder mehr Bücher in die Hand nehmen – zum Lesen, zum Anfassen, zum Gestalten. Das Unique, das Individuelle, liebevoll Selbstgemachte und damit Einzigartige wird wieder mehr im Fokus stehen. Denn das größte Geschenk, das wir bekommen oder machen können, ist Zeit – gerade auch die Zeit, die wir benötigen, um wieder Dinge selbst zu tun. Das gilt auch für das Wohnen. Welche Wohnform oder Wohnart entspricht mir als Mensch, als Persönlichkeit? Wie verleihe ich meiner Wohnung meine eigene Handschrift? Wohnen nicht als Trend, sondern als Ausdruck von Individualität. Möbel werden zunehmend nach Vorstellung der Käufer hergestellt. Meiner Meinung nach werden in 40 Jahren daher viele Menschen ihre Wohnung persönlich gestalten. Zuhause und Mensch passen so besser zusammen, nach dem Motto: „Ich verstehe die Person anhand ihrer Wohnung."

Wie sehen Sie ihr eigenes Leben in der Zukunft?

Sinja: Ich will eine glückliche, gesunde und fitte Oma mit ganz vielen Enkeln und einer zu mir passenden Wohnung sein. Ich liebe die Themen Wohnen und Leben. Vielleicht kann ich ja in 40 Jahren mein Wissen bei einer Zeitschrift einbringen, die sich mit Mehrgenerationen-Wohnformen befasst...? Außerdem möchte Ich noch viel reisen. Sehr gerne hätte ich eine Stadtwohnung und die Möglichkeit, mich immer wieder aufs Land zurückzuziehen. Einen Ort, wo ich sehr auf das Wesentliche reduziert leben und einfach mit meinen Lieblingsmenschen zusammen sein kann. Ich mag die Weite – egal ob am Meer oder in den Bergen. Hier gewinne ich viele Eindrücke, denen ich gerne einen Platz in meinem Zuhause gebe. Ich brauche die Kontraste, daher auch die Stadtwohnung mit allen ihren Impulsen und kulturellen Möglichkeiten und den Ruhepol auf dem Land. Und eines will ich unbedingt in 40 Jahren erreicht haben: Ganz viel Gelassenheit.


Welcher Gegenstand wir Sie wohl in 40 Jahren noch begleiten?

Sinja: Eigentlich möchte ich mein Herz nicht an Gegenstände hänge, sondern vielmehr an Menschen und Erlebnisse. Was mir aber sehr wichtig ist, sind Bücher. Sie werden mich auch die nächsten 40 Jahre begleiten. Ich liebe gute Geschichten – gerne gedruckt auf tollem Papier. 

Mehr Gedanken rund um das Thema "Wie leben wir morgen" finden sich auch im IKEA Trendbook