Ausstellung: „Making Heimat. Germany, Arrival Country.“

Bezahlbares Wohnen, 1. OG (Quelle: Kirsten Bucher)

Nur einen Steinwurf von meinem Arbeitsplatz entfernt, befindet sich das Frankfurter Museumsufer. Hier laden 15 Museen Menschen aus aller Welt ein, eine Vielzahl an spannenden und informativen Ausstellungen zu besuchen. Eine davon ist aktuell „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ – ein schöner Name, denn die Bedeutung des deutschen Wortes „Heimat“ lässt sich nur schwer in andere Sprachen übersetzen. Dahinter versteckt sich eine Ausstellung, die zum Nachdenken anregt und aktuelle Themen anspricht. 

Ikea Making Heimat1 „Heimat“ lässt sich nur schwer in andere Sprachen übersetzen (Quelle: Adel & Link)

Ursprünglich 2016 für den Deutschen Pavillon auf der 15. internationalen Architekturausstellung „La Biennale di Venezia“ realisiert, offenbart Making Heimat, wie wichtig Architektur für eine erfolgreiche Integration ist. Sie möchte unter anderem zeigen, wie schnell und kostengünstig Wohnraum geschaffen werden kann, um Einwanderer in die Gesellschaft zu integrieren. Die Ausstellung ist seit dem 4. März und noch bis zum 10. September 2017 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main zu sehen. Sie lädt dazu ein, sich mit Deutschland als Einwanderungsland auseinanderzusetzen. 

Ikea Making Heimat2 Die wichtigsten Arrival Cities in Deutschland (Quelle: Something Fantastic)

Im Erdgeschoss des Museums werde ich in einem langen Gang von collagenartig angeordneten Bildern, Texten und Karten empfangen. Gemeinsam mit dem kanadischen Autor Doug Saunders wurden acht Thesen erarbeitet, die deutlich machen, was eine „Arrival City“, d.h. die Stadt, in der Einwanderer ankommen und zunächst auch bleiben, ausmacht. Ich lerne, dass dies eine Stadt innerhalb einer Stadt ist, in der Wohnraum bezahlbar ist, es Arbeit gibt und meist schon ein Netzwerk von Migranten existiert. Vor allem ersteres wird mit Blick auf eine Deutschlandkarte zu Beginn der Ausstellung deutlich: In großen Städten wie Berlin, Stuttgart oder auch Frankfurt suchen Einwanderer ihr Glück. Das Frankfurter Bahnhofsviertel, ein Stadtteil, den ich selbst gut kenne, hat mit 52,5 Prozent einen der höchsten Ausländeranteile und ist eine wichtige Arrival City in Deutschland. Doch einer anderen Stadt misst die Ausstellung weit mehr Aufmerksamkeit bei: Offenbach am Main. Hier leben 159 Nationalitäten friedlich zusammen, 58 Prozent der Menschen haben einen Migrationshintergrund. Die Ausstellung zeigt konkrete Beispiele von Menschen, die dort bereits angekommen sind, sich eine Existenz aufgebaut haben oder auch noch dabei sind, sich zu integrieren. Die Bilder sind bunt und authentisch, wirken auf mich positiv und zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist. Doch auch Probleme werden angesprochen: Offenbach hat die höchste Quote an Arbeitslosen in Hessen und so muss auch Integrationsarbeit genutzt werden, um allen eine gute Entwicklungschance zu ermöglichen. 

Ikea Making Heimat9 Die Ausstellung von Wohnbeispielen im 1. OG (Quelle: Kirsten Bucher) Ikea Making Heimat4 Vokabelzettel eines Geflüchteten in Deutschland (Quelle: Adel & Link)

Nach dem Ausflug in die Nachbarstadt Frankfurts gehe ich ein Stockwerk höher, wo mich Bilder von Menschen erwarten, die es noch nicht so weit geschafft haben: Sie leben als Flüchtlinge in Deutschland und wohnen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften. An den Wänden und auf Aufstellern werden 57 Beispiele solcher Wohnlösungen vorgestellt. Ich lese die steckbriefartigen Informationen zu den nach Bundesländern sortierten Bauten, die für 2 bis 300 Personen errichten werden und sich teilweise noch in der Bauphase befinden. Es sind aktuelle Beispiele, aus Holz oder Beton, die innerhalb weniger Wochen oder mehrerer Jahre gefertigt werden. Darunter sind Modulhäuser aus Europaletten, ein Projekt von Studierenden, die ohne Fachkenntnisse gebaut und erweitert werden können. Oder auch Flüchtlingsunterkünfte mitten in einem neuen Stadtteil, die ohne Umbaumaßnahmen in Mietwohnungen umfunktioniert werden, sollten sie nicht mehr für Flüchtlinge gebraucht werden. Die sogenannten Erstaufnahmeeinrichtungen aus vorgefertigten Betonplatten mit einer Wohnfläche von angegebenen 3,5 Quadratmetern pro Person wecken Beklemmungen in mir. Überhaupt wirkt dieser zweite Teil der Ausstellung ganz anders als der vorige: Die Darstellung der Gebäude ist nüchtern, fast steril mit den weißen Lochplatten aus Metall, die nur Pläne und Bilder ohne Menschen zeigen. Betrachtet man allerdings die Wände des Raums, bekommen diese Unterkünfte Gesichter. Dort sind große Fotos befestigt, die die Menschen zeigen, die in diesen Wohnungen leben. Sie zeigen Betten, Vokabelzettel und Gemeinschaftsräume, spielende Kinder und nachdenkliche Erwachsene. Wo werden sie zukünftig leben? Bleiben sie in Deutschland, ziehen sie weiter oder gehen sie doch irgendwann zurück? Fragen, auf die es so schnell keine Antworten geben wird. Doch ein sicheres Zuhause, wie die vorgestellten Unterkünfte, ist eine gute Ausgangslage, um in der neuen Heimat anzukommen.

Ikea Making Heimat5 Porträts der Menschen, die in den Unterkünften leben, schmücken die Wände (Quelle: Adel & Link)

Die Frage nach der Zukunft bleibt (vorerst) offen

Wieder im Erdgeschoss angelangt, setzte ich mich auf eine der Bänke in dem hellen Raum, um die Ausstellung noch einmal auf mich wirken zu lassen. Die vielen Bilder von Menschen, die nach Deutschland kamen, um hier möglicherweise ihre neue Heimat zu finden, werden mich noch länger beschäftigen. Und damit hat die Ausstellung ihr Ziel bei mir bereits erreicht: dazu anregen, noch mehr über unser Land als Einwandererland und die Wohnsituation der Ankommenden nachzudenken. 

Die IKEA Stiftung fördert Initiativen zu den Themen Wohnen und Wohnkultur, Verbraucheraufklärung sowie Projekte für Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland. Die Ausstellung „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ wurde von der IKEA Stiftung mit 60.000 Euro unterstützt.