Dinner für Fremde und Freunde

Wie ist es wohl, mit Unbekannten bei ihnen Zuhause zu essen? Das wollte ich am 10. Dezember ausprobieren und meldete mich bei „Monika kocht“ an, einem Dinnerevent für Fremde und Freunde. Den Kontakt hatte ich von einem lieben Bekannten erhalten.

Monika 1 Gastgeberin Monika verbindet mit ihrem Dinnerabend die Freude am Essen mit der Freude am Zusammenkommen von Menschen. Foto: Linda Benkner.

Pünktlich um 19:30 Uhr klingele ich nervös an der Haustür von Monika, einer völlig Fremden, mitten in Oberursel. Es ist aufregend, nicht zu wissen, wer und was mich erwartet. Ich male mir Monikas Persönlichkeit aus: offen, kontaktfreudig, neugierig. Und so ist sie auch: energiegeladen, voller Vorfreude und mit einem herzlichen Lachen begrüßt sie mich. Während des ganzen Abends werkelt sie in einer beeindruckenden Geschwindigkeit, richtet fünf Gänge an und unterhält ihre Gäste, ohne sich je aus der Ruhe bringen zu lassen oder gestresst zu wirken. „Früher habe ich Großveranstaltungen organisiert“, verrät sie mir schmunzelnd. Inzwischen hat sie sich selbständig gemacht mit dem Leadership-Programm „FührungsTango“ und ist Gastdozentin für Dienstleistungsmanagement. Das Dinner unter dem Titel „MOnika KOcht – Essen unter Freunden“ richtet sie sechs Mal im Jahr aus.

Ikea Home Restaurant Thumb Für jedes Dinnerevent überlegt sich Monika ein eigenes Dekorationskonzept. Foto: Linda Benkner.

Während ich den Abend bei Monika verbringe, verstehe ich, warum gemeinsames Essen mit Fremden im privaten Rahmen derzeit so beliebt ist. Es nennt sich Private Eating im Secret-, Home-, Pop-up- oder Untergrund-Restaurant, andere nennen es Guerilla-Dining. Diese Kochveranstaltungen gehen auf die „Supper Clubs“ der 1930er-Jahre in Beverly Hills zurück, damals als abendfüllendes Event mit eher simpler Küche angelegt. Eine weitere Traditionslinie für den derzeitigen Trend führt nach Lateinamerika, wo schon lange Touristen und Einheimische gutes Essen zu niedrigen Preisen außerhalb der gewöhnlichen Restaurantatmosphäre angeboten bekommen, allerdings fernab der Legalität. Nun also auch hierzulande: Dinnerevents zu Hause bei Unbekannten, quer durch die Stadt verteilt, wie bei den Online-Plattformen Dinner-on-the-Run (Rhein-Main-Gebiet), Supperclubbing.com (Berlin) oder auch Jumpingdinner (deutschlandweit) angeboten. Oder eben über ein Netzwerk von Bekannten, wie in meinem Fall.

Bei Monika sind wir inzwischen vollständig, alle acht Gäste sind eingetroffen. Viele kennen sich von früheren Kochabenden, doch da immer neue Gesichter – wie ich – dazustoßen, machen wir uns noch etwas zögerlich miteinander bekannt. „Der Tag hätte schon fast mit einer Katastrophe begonnen“, sagt Monika in die Runde. „Ich wollte etwas aus dem Keller holen und habe mich tatsächlich ausgeschlossen, während die Soße auf dem Herd köchelte ... “ Wie ein Eisbrecher wirkt Monikas Geschichte – es wird laut, alle reden durcheinander und Gelächter füllt das Esszimmer. Schon jetzt erliege ich dem Charme, den der etwas improvisierte Charakter der Veranstaltung verströmt. Als Anrichte hält ein Bügelbrett her, bedeckt mit einer stilvollen Tischdecke – es sind diese Kleinigkeiten, die den Abend zu einem unverwechselbaren machen.

Hauptgang 1 Monika kocht mit Liebe und Hingabe ihr Fünf-Gänge-Menü. Foto: Linda Benkner.

Entgegen meiner schlimmsten Befürchtungen sind die Gespräche keineswegs langweilig: Zum Beispiel erfahre ich von Joachim, dass Tango zunächst nur unter Männern getanzt wurde und daraus entstand, dass diese sich die Wartezeit am Freudenhaus vertreiben wollten. Und Peter gibt mir eine gratis Weinkunde. „Ich liebe es, wenn ich in der Küche stehe und alle reden quer durcheinander“, verrät mir Monika, die gerade den Gruß aus der Küche anrichtet.

Monika organisiert ihre Dinner nach einem Schneeballsystem, das Event spricht sich unter Bekannten herum. Ich frage sie nach Tipps für jeden, der sein eigenes Home-Restaurant eröffnen möchte. „Wichtig ist die Freude daran, Menschen kennenzulernen – und natürlich die Freude am Kochen. Ich koche leidenschaftlich gern“, verrät sie mir. Monika beginnt die Planung bereits zwei Monate vorab. Nach Zusammenstellung des Menüs schickt sie einen Newsletter, Anmeldungen erfolgen online. Kurz vor der Veranstaltung plant sie vier bis fünf Tage für die Dekoration, Einkäufe und das Vorkochen ein. Besonders gut gefällt mir, dass sie stets Namensschilder für die Gäste erstellt, für Neuzugänge wie mich eine große Hilfe. Ich beobachte, dass auch eine gute Organisation dazugehört – Monika weiß genau, wann etwas in den Ofen kommt, welcher Wein an der Reihe ist und wer gerade eine helfende Hand reichen könnte. Weitere Tipps sind bei diesem Artikel von Liz auf IKEA Ideen zu finden.

Gruppe 2 Im Home-Restaurant bei Monika treffen Freunde auf Fremde. Foto: Linda Benkner.

Wer mal ein Home-Restaurant im Urlaub ausprobieren möchte, der findet auf Plattformen wie Withlocals.com und EatWith.com sowie Travelingspoon.com Dinner und Unternehmungen in verschiedensten Ländern – ideal für urbane Schatzsucher, die Menschen vor Ort und kulinarische Überraschungen erleben wollen, ob auf Bali oder in London. Die Aufwandsentschädigung für den Gastgeber beträgt in der Regel etwa 40 Euro beziehungsweise 20 bis 80 Dollar pro Teilnehmer.

Ich werde es bestimmt in meinem nächsten Urlaub ausprobieren, denn ich bin begeistert von dieser Social-Dining-Erfahrung. Ich habe den Abend als inspirierend, aufregend und überhaupt nicht langweilig empfunden. Und vor allem habe ich ganz hervorragend gespeist: Die Bergpfeffersoße aus Rindfleischfond, Rot- und Portwein konnte trotz dem Aussperr-Zwischenfall gerettet werden und schmeckte hervorragend zum Hauptgang: saftig-zartes Filet vom Galloway-Rind, im Ganzen gegart und angerichtet mit Schwarzwurzeln und Kräuterseitlingen. Auch Thunfischtartar, knackiger Salat an Emmentalerjus, Süßkartoffelcremesuppe mit Salbei und Chorizo sowie das abschließende Kürbiskernparfait mit Sorbet auf Apfelspiegel sorgten für Gaumenfreuden und machten den Abend zu einem Highlight – und aus Fremden neue Freunde.