Als Botschafter für nachhaltige Forstwirtschaft durch Rumänien

Schösslinge von Weißtannen (Credit: Natanja Maria Grün)

Wie kann Holz im großen Maßstab nachhaltig gewonnen werden, was soll man sich überhaupt unter „nachhaltiger Forstwirtschaft“ vorstellen und wie wird das Holz vor Ort verarbeitet? Knapp 30 Kollegen waren mit mir zusammen eingeladen sich als Botschafter für nachhaltige Forstwirtschaft einen direkten Eindruck davon zu verschaffen, wie in Rumänien Holz für die Produktion von IKEA gewonnen und wie es weiterverarbeitet wird.

Ikea Forstwirtschaft 01 Im Wald von Strambu-Baiut (Credit: Natanja Maria Grün)

Von Cluj Napoca an die ukrainische Grenze

Nach einem Rundgang durch die Altstadt von Cluj Napoca (Klausenburg) ging es am späten Nachmittag mit dem eigentlichen Programm unserer Reise los. Wir konnten direkt von Mikhail Tarasov, der bei IKEA Global für Forstwirtschaft zuständig ist, Zahlen, Daten und Fakten über den Holzverbrauch von IKEA, unsere Initiativen zur Nachhaltigkeit und über die Verwendung von Holz in unserem Warenangebot erfahren. IKEA verbraucht z.B. 18,6 Millionen m³ Holz jährlich, was einer Schlange von 465.000 LKW-Ladungen entspricht und 1 % des industriellen Holzverbrauchs der Welt ausmacht. Wie kann IKEA sicher gehen, dass diese große Menge an Holz gewonnen wird ohne Raubbau an der Natur zu treiben? Wie können wir einen verantwortlichen Umgang mit den natürlichen Ressourcen sicherstellen, wenn gut die Hälfte aller Produkte, die es bei IKEA zu kaufen gibt, aus Holz oder holzbasierten Produkten wie Papier und Fasern bestehen? Das Gespräch warf zunächst mit jeder Antwort weitere Fragen auf, die im Laufe der Reise noch beantwortet werden sollten.      

Am Folgetag ging es mit dem Bus in den Bezirk Maramureş, wo wir Strambu-Baiut, ein besonders schützenswertes Waldgebiet mit uraltem Baumbestand, besichtigen konnten.

Ikea Wirtschaftswald2 Im wirtschaftlich genutzten Wald von Strambu-Baiut (Credit: Natanja Maria Grün)

Auf einem dreistündigen Marsch durch den Bergwald konnten wir einen Eindruck davon bekommen, wie ein Wald aussieht, der nicht kommerziell genutzt wird. Der Wald kann frei wachsen, Windbruch und abgestorbene Bäume werden nicht entnommen, dadurch gibt es Lebensräume für Pflanzen, Insekten und Waldtiere, die man in Wirtschaftswäldern kaum findet. Ein Mitarbeiter des WWF und der zuständige Forstdirektor der rumänischen Staatsforste (ROMSILVA) klärten uns an verschiedenen Stationen über die besondere Bedeutung des Waldes für die Region Maramureş auf, die sie als traditionell „hölzerne Kultur“ beschrieben, in der bis vor wenige Jahren alles – vom Suppenlöffel bis zur Dorfkirche – aus dem Holz der umliegenden Wälder stammte.

Besonders augenfällig wurde der Unterschied zwischen dem geschützten Bereich und den umliegenden wirtschaftlich genutzten Wäldern, als wir den Kamm des Berges erreichten. Links alter Baumbestand von Buchen und Weißtannen, dazwischen Baumstümpfe, Totholz und nachwachsende Bäume, wo immer der Wind eine Lücke gerissen hat. Die Baumkronen bilden hier ein geschlossenes Dach, unter dem es immer dämmerig ist, die Abstände zwischen den alten Bäumen sind groß, der Wald wirkt trotzdem nicht bedrückend.

Maramures09 2017 (Credit: Natanja Maria Grün) Hoftor Maramures Typisches Hoftor mit reichem Schnitzwerk (Credit: Natanja Maria Grün)

Rechts der Kuppe war der Eindruck ganz anders, denn dieses Waldstück wird von der staatlichen Forstgesellschaft ROMSILVA als Wirtschaftswald genutzt und nach FSC-Regeln nachhaltig bewirtschaftet. Auffälligster Unterschied zum naturbelassenen Bereich, aus dem wir grade kamen: es ist plötzlich hell, denn hier stehen einige große Buchen mit großem Abstand, die von Schösslingen und jungen Bäumen umgeben sind. Sonnenlicht fällt bis auf den Boden und blendet uns nach zwei Stunden im Zwielicht unter den Bäumen regelrecht. Nach ein paar hundert Metern durch diesen offenen Bereich tauchten wir wieder ins grüne Dämmerlicht zwischen den Buchen ein und machten uns auf den Weg zurück zu unserem Bus.

Auf der weiteren Fahrt ins Hotel und in den beiden kommenden Tagen konnten wir uns selbst davon überzeugen, was uns als „hölzerne Kultur“ geschildert wurde: Je näher wir der ukrainischen Grenze kamen, desto bergiger und dichter bewaldet wurde die Landschaft. Ebenfalls sehr auffällig sind die Dörfer auf dem Weg: die älteren Häuser, Zäune, Kirchen, riesige Hoftore mit fantastischen Schnitzereien – alles aus Holz.

Natürlich ist auch in Rumänien die Zeit nicht stehengeblieben. Graue Wohnblöcke aus kommunistischer Zeit, öffentliche Gebäude und protzige Neubauten stehen an vielen Orten unmittelbar neben dem Traditionellen und bilden einen krassen Kontrast. Die Spuren sind trotzdem überdeutlich: Bis vor kurzen hing hier alles am Holz und noch heute heizen und kochen die allermeisten Haushalte mit Holz, und überall finden sich Berge von Brennholz, die in Vorbereitung auf den Winter an den Hausmauern aufgeschichtet werden.

Ikea Wirtschaftswald (Credit: Natanja Maria Grün)

Waldschutz in Zusammenarbeit mit WWF und FSC

Auch wenn die Beschreibung der Dörfer und Wälder romantisch klingt - die Situation in Rumänien ist bis heute nicht einfach und für Außenstehende auch nicht ganz einfach zu begreifen. Am dritten Tag der Reise hatten wir die Gelegenheit, uns mit Vertretern von WWF und FSC zu unterhalten, wieder eine tolle Möglichkeit durch direkte Nachfragen Antworten auf unsere Fragen zu erhalten. Nach dem Ende des Kommunismus fand ein wahrer Ausverkauf statt und riesige Waldgebiete aus staatlichem Besitz wechselten unter unklaren Bedingungen oder unter dem Vorwand der Rückerstattung in privaten Besitz. Offenbar wurden die Ansprüche damals nicht konsequent geprüft und so sind noch heute, fast 30 Jahre später, nicht alle Besitzverhältnisse abschließend geklärt. Ebenso verhält es sich mit der Bestandsaufnahme der Wälder unter dem Aspekt des Umweltschutzes. Bis vor zehn Jahren gab es keine offizielle Erhebung, wo seltene Tiere und Pflanzenarten beheimatet sind, wo der Wald dem Gewässerschutz dient und welche Wälder wegen ihres alten Baumbestands geschützt werden müssten. In der Folge sind wertvolle Wälder durch rücksichtslose Abholzung geschädigt worden, während anderen Waldbesitzern ohne Vorankündigung die Nutzung ihres Eigentums mit Hinweis auf den Naturschutz untersagt wurde. Durch die Zusammenarbeit von WWF (World Wide Fund for Nature) und FSC (Forest Stewardship Council) konnten seitdem große Fortschritte gemacht werden. 26.000 km² Wald – das entspricht fast der Fläche von Rheinland-Pfalz und dem Saarland - wurden  seitdem in Zusammenarbeit mit IKEA für nachhaltige Forstwirtschaft zertifiziert. Praktisch bedeutet das Folgendes:

Ikea Baumschule Totale (Credit: Natanja Maria Grün)

Der Erhalt des Waldes ist am ehesten zu sichern, indem er so bewirtschaftet wird, dass er den Menschen vor Ort dauerhaft ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nutzen bringt. Das klingt erstmal total abstrakt, lässt sich aber mit wenigen Stichworten mit Sinn füllen:

  • Der FSC prüft als gemeinnützige Organisation nach objektiven Kriterien auf nachvollziehbare Weise, ob Waldgebiete besonders schützenswert sind. Für diese Gebiete kann im Rahmen der Zertifizierung eine wirtschaftliche Nutzung teilweise oder ganz ausgeschlossen werden
  • Natürliche Waldgebiete werden vor Umnutzung als landwirtschaftliche Flächen oder Plantagen geschützt
  • Der Einsatz hochgiftiger Pestizide im Wald ist verboten
  • Es werden nur Baumarten angepflanzt, die in den Lebensraum passen, es werden keine fremden Spezies importiert
  • Es werden keine gentechnisch veränderten Bäume gepflanzt
  • Es werden keine Monokulturen gepflanzt, Ziel ist ein Mix von Laub- und Nadelbäumen auf allen Waldflächen
  • Es wird darauf geachtet, dass Bäume unterschiedlichen Alters in den Wäldern stehen
  • Kahlschlag findet nur auf Flächen statt, die genau festgelegt und im Umfang eingeschränkt sind
  • Es wird maximal so viel Holz entnommen, wie auch wieder nachwächst. In Rumänien wurden in den FSC-zertifizierten Wäldern sogar nur 50% der Menge gefällt, die nach diesem Grundsatz möglich wäre. Das heißt, dass der Wald zwar nicht flächenmäßig wächst, aber langfristig dichter wird
  • Die Rechte der angestammten Bevölkerung werden geschützt. Der Wald bleibt für die Anwohner zugänglich, sie können nach wie vor Brennholz aus dem Wald holen und den Wald zur Erholung nutzen Jeder zertifizierte Betrieb wird mindestens einmal jährlich kontrolliert, werden Standards verletzt droht der Verlust der Zertifizierung

Nach dem Gespräch mit den Vertretern von FSC und WWF gab es noch einmal die Möglichkeit, eine Baumschule der staatlichen Forstgesellschaft zu besichtigen, die nach den Vorgaben des FSC betrieben wird. Auf einem abgezäunten Areal mitten im Wald werden Schösslinge von Weißtannen fünf Jahre lang ohne Einsatz von Pestiziden und ohne künstliche Bewässerung herangezogen. Das einzige Zugeständnis an die Erfordernisse der Nachzucht sind einzeln stehende alte Bäume, die für Schatten sorgen, sowie die manuelle Entfernung von Unkraut und Keimlingen anderer Baumarten. Das Ergebnis sind junge Tannen, die deutlich widerstandsfähiger sind als Schösslinge aus konventioneller Nachzucht.

Meine Fahrt nach Rumänien neigte sich hier schon dem Ende zu, die drei Tage sind wie im Flug vergangen. In meinem kommenden Blogbeitrag will ich aber noch darüber berichten, wie wir in Sighetu Marmatiei einen Betrieb besichtigten, in dem im Auftrag von IKEA Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft zu Möbeln verarbeitet wird. Hier konnten wir selbst sehen, was sich hinter dem Begriff „Chain of Custody“ verbirgt, einer Produktkettenzertifizierung des FSC, die sicherstellt, dass alle Rohstoffe, die in einem Produkt verarbeitet sind, den Standards entsprechen.

http://www.ikea-unternehmensblog.de/article/2017/nachhaltige-forstwirtschaft