Große Ideen für kleine Häuser – das Tiny Town House

Die Tiny Houses auf dem Bauhaus Campus in Berlin. Copyright: Tiny House University

Gerade ist in Berlin die Tiny House Design School gestartet. Bis März 2018 werden in Workshops unterschiedliche Mini-Häuser geplant, verwirklicht und sogar in ihnen gewohnt. Ich hatte die Gelegenheit, mit Initiator Van Bo Le-Mentzel über seine Ideen zu sprechen.

Ikea Le Mentzel Thumb Gemeinsam mehr erreichen: Die Tiny House Design School mit Initiator Van Bo Le-Mentzel (stehend, hinten rechts). Copyright: Tiny House University

Berlin ist eine beliebte Stadt – sie ist hip, modern und angesagt, bei Touristen und als Wohnort. Doch wie in vielen anderen Großstädten gibt es auch in unserer Hauptstadt zu wenig Raum zum Leben. Mieten steigen weiter und gleichzeitig wollen mehr Menschen in Städten leben – mehr dazu lest ihr in unserem aktuellen Trendpapier.    

Zum Glück gibt es in Berlin viele kreative und spannende Menschen, die Pioniergeist leben und Neues wagen. Einer davon ist Van Bo Le-Mentzel. Der Architekt ist Kurator des Bauhaus Campus Berlin und Gründer des Vereins Tinyhouse University e.V. Den Entwickler der „Hartz IV-Möbel“ sowie des 1-Quadratmeterhauses und seine Ideen stellen wir auf unserem Blog vor. Als Experte gab er bereits seine Einschätzung für das IKEA Trendbook 2054 ab.

Anfang September 2017 startete nun sein neues Projekt: Die Tiny House Design School, die von der IKEA Stiftung gefördert wird. Bis März 2018 wird man vor dem Bauhaus-Archiv in Berlin die Tiny Houses besuchen können. Geplant ist, in Workshops unterschiedliche Häuschen zu planen, zu bauen und auch zu bewohnen. Als mögliche Antwort auf ansteigende Mieten will Van Bo mit der Aktion verschiedene Alternativen zu den derzeit weitverbreiteten Containerwohnungen aufzeigen und testen. Die Tiny Houses können wöchentlich besichtigt werden und in Workshops haben Teilnehmer die Möglichkeit, selbst mitzubauen. 

Campus Skizze Die Idee: So könnte der Campus bald schon aussehen. Copyright: Tiny House University

Ein bewegliches Reihenhaus

„Es ist eine neue Art von Haus: Das ‚Tiny Town House’ kann man als Reihenhaus auf Rädern beschreiben: 9 Quadratmeter groß, mit Küche, Bad, Schlafzimmer und Erker, Fensterbank und an der Fassade sogar noch eine Art Shop. Die Idee ist zu schauen, wie man damit etwas ändern könnte, auch in der Stadt“, erklärt Van Bo Le-Mentzel im Interview. Das Besondere an einem Reihenhaus: Es benötigt keine Freifläche wie ein Solitärhaus, hat nur Öffnungen nach vorn und hinten, wodurch eine Straße entsteht, d.h. mit vielen solchen Häusern könnte man schnell eine Art Stadt bauen.

Darüber nachzudenken, wie Menschen gerade in großen Städten und Ballungsgebieten auf kleinerem Raum gut leben können, ist relevant wie nie. Auch interessieren sich immer mehr Menschen für alternative Wohnmodelle und neue Möglichkeiten. „Die Menschen fangen an, viel mehr zu hinterfragen: Es beginnt beim Wohnraum, man merkt es an der Miete, an den Orten, an denen man es sich leisten kann zu wohnen oder auch nicht. Und die Menschen beginnen zu überlegen, ob es wichtig ist, ein Haus oder ein Grundstück zu besitzen und wieso man eigentlich nur an einem Ort leben sollte,“ meint Van-Bo.

Van Bo Le Mentzel Van Bo Le Mentzel, Copyright: Tiny House University Tiny House Nachher Ein Tiny House fertig gebaut. Copyright: Tiny House University

Siedler- vs. Nomadentum

Die Idee zu Tiny Houses auf Rädern hat auch etwas mit dem europäischen Siedlergedanken und dem Nomadentum als Gegensatz zu tun – Van Bo vergleicht das mit der digitalen Welt: „In Europa haben wir die Vorstellung des Siedelns, sich an einem Platz niederzulassen und sich dort zu melden. Wenn man das mit der digitalen Welt vergleicht, ist es so, dass man früher genau wissen musste, welche Website man besuchen wollte. Oder man musste die korrekte E-Mail-Adresse eines Freundes kennen. Facebook hat es geschafft, erstmals auf der digitalen Ebene zu nomadisieren: Man verbindet sich in Gruppen, verabredet sich und trifft Gleichgesinnte. Ich glaube, dass wir das Potenzial des Nomadentums weiter erforschen müssen, um zu schauen, inwieweit es für unsere Gesellschaft gut sein kann, gar nicht so lange an einem Ort zu bleiben. Vielleicht macht es dann gar nicht so viel Sinn, dass die Wohnungen so starr sind – wieso kann man aus einer Dreizimmer-Wohnung keine Zweizimmer- oder Vierzimmer-Wohnung machen? Vielleicht ist Migration auch ein Normalzustand: Im Winter kann ich in Spanien oder Thailand leben und im Sommer in Deutschland. Letztendlich ist es Teil unserer Natur zu wandern, in Gemeinschaften und Nachbarschaften zu leben. Und das Leben in Tiny Houses eröffnet hier andere Möglichkeiten – kreative Ansätze, wie man leben kann, ohne einen festen Grund unter dem Fundament zu haben, und Nachbarschaft und soziales Miteinander zu erleben.“ 

Essen Im Tiny House Lo Viel los auf wenig Platz: Vier Personen können in einem der Tiny Houses gemeinsam essen. Copyright: Tiny House University

Als Kurator des Bauhaus-Archivs betrachtet sich Van Bo vor allem als Moderator: „Ich motiviere Menschen etwas auszuprobieren, was sie sich sonst nicht trauen würden.“ Zum Beispiel Wohnkonzepte ohne fließendes Wasser oder Strom, Nachbarschaft neu zu denken und neue Bezahlmöglichkeiten zu testen: So ist zum Beispiel „Circles“ eine Währung, die von Vertretern der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens entwickelt wurde und nun an die Campus-Bewohner in einer bestimmten Höhe ausgezahlt wird. Jetzt wird beobachtet, was passiert und wie die Menschen damit umgehen.

Auch die anderen Bauprojekte von Van Bo entwickeln sich stetig weiter: Inwieweit Flächen tagsüber eine andere Funktion haben können als abends, ist ein wichtiger Gedanke, der ihn beschäftigt. So könnte die Weiterentwicklung des 1-Quadratmeterhaus tagsüber als Arbeitsplatz genutzt werden oder als Vitrine, um etwas auszustellen – Bürogebäude und Museen werden nachts auch nicht genutzt, was verschwendete Fläche ist – und abends können mehrere der Häuser zusammengesteckt werden, um darin zu schlafen. Da alle den gleichen Grundaufbau haben, ist das kein Problem. Van Bo ergänzt: „Die Besonderheit ist, dass das Haus wandelbar ist, viele verschiedene Einsatzmöglichkeiten hat und Menschen eine Unterkunft bieten kann. Das hat auch viel mit Design und Einrichtung zu tun, mit Multifunktionalität von Möbeln. Und wir forschen weiter in diese Richtung.“

Tiny Houses Von Aussen Lo Die verschiedenen Tiny Houses können einmal die Woche besichtigt werden. Copyright: Tiny House University

Dass gerade die IKEA Stiftung das Projekt fördert, passt für Van Bo sehr gut: „IKEA hat ja selbst den Bauhausgedanken weiterentwickelt – auch hier hieß es, viele Leute sollen die Möglichkeit haben, gut zu leben. Und das hat IKEA dann auch umgesetzt, schon in den 70er-Jahren.“

Die IKEA Stiftung fördert Initiativen zu den Themen Wohnen und Wohnkultur, Verbraucheraufklärung sowie Projekte für Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland. Das Projekt „Tiny House Design School“ wurde von der IKEA Stiftung mit 60.000 Euro unterstützt. Die „Tiny Houses“ auf dem Bauhaus Campus, direkt vor dem Bauhaus-Archiv in Berlin Schönefeld (Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin), können donnerstags ab 16 Uhr im Rahmen eines Workshops erkundet werden.

http://www.ikea-unternehmensblog.de/article/2017/tiny-house-design-school