CRCLR House: Nachhaltiges Wohnen und Arbeiten in Berlin

Das CRCLR House in Berlin – ein Zentrum für die zirkuläre Wirtschaft. © Alexander Mercutio

IKEA setzt mit seiner Nachhaltigkeitsstrategie „People & Planet Positive“ auf Kreislaufwirtschaft – weniger Umweltbelastung und gleichzeitig weiter wachsen. Wie kann das funktionieren? Mit konkreten Zielen und Maßnahmen, wie z.B. einem neuen Produktentwicklungsprozess, bei dem darauf geachtet wird, dass nur erneuerbare und recycelte Materialien verwendet werden – getreu einer zirkulären Wirtschaft. Seit 2016 wird in Berlin im CRCLR House (CIRCULAR = Englisch für zirkulär) an genau solchen Projekten zur zirkulären Wirtschaft gearbeitet. Was das genau bedeutet und wie man sich die Arbeit dort vorstellen kann, haben wir Alice Grindhammer, Co-Founder vom CRCLR House, gefragt.

Ikea Cb Crclr House Thumb Teile des CRCLR House werden als Coworking-Space vermietet – dies ist eine von drei Finanzierungsquellen. © Alexander Mercutio

Liebe Alice, was ist das CRCLR House überhaupt?

Mit dem CRCLR House entsteht in Berlin ein Prototyp für nachhaltiges Wohnen und Arbeiten. Wir möchten Menschen erreichen und einladen Teil des Wandels hin zu einer zirkulären Wirtschaft zu werden. Egal, ob Tech Start-up, Stiftung oder produzierendes Gewerbe, wir wollen gemeinsam Erfahrungen austauschen, Strategien und Taktiken entwickeln. Denn wir alle können dazu beitragen, dass unsere Zukunft abfallfrei wird. Kommt gerne mal vorbei und besucht uns!

Darauf kommen wir gerne mal zurück! Und warum habt ihr dieses Projekt ins Leben gerufen?

In Deutschland produziert jeder Mensch ca. 1,6 kg Müll am Tag, Tendenz steigend. Etwa ein Drittel der global produzierten Lebensmittel verderben und gleichzeitig hungern nach wie vor Menschen auf der Welt. Hobbyforscher fanden sechs Mal so viel Plastik wie Plankton in Proben im Pazifik und jedes dritte Sandkorn auf Großbritanniens Stränden ist Mikroplastik. Es ist also höchste Zeit, mit vereinten Kräften an einer müllfreien Zukunft zu arbeiten. Ein Ansatz, der dabei zunehmend mehr Aufmerksamkeit erfährt, ist das Prinzip der zirkulären Wirtschaft. Sie zielt mit systemweiten Innovationen darauf ab, Produkte und Dienstleistungen neu zu definieren, um Abfall von vornherein zu vermeiden und negative Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu verhindern.

Wie seid ihr darauf gekommen, ein Haus aus Müll zu bauen und welche Materialien wurden verwendet?

Ein besonders großes Potenzial hat die zirkuläre Wirtschaft im Bausektor, denn dieser gehört zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftssektoren. Außerdem produziert die Baubranche rund 50 Prozent des Abfallaufkommens in Europa. Um hier einen Wandel zu erreichen, muss vorausschauend und ressourcenschonend gebaut werden. Wir möchten zwei Dinge erreichen. Erstens mit Gegenständen und Stoffen bauen, die sonst zu Müll geworden wären. Zweitens das Haus wie ein Materiallager konstruieren, damit es später problemlos auseinandergenommen und die Stoffe woanders weiterverwendet werden können. Wir stellen uns die Frage: Können Häuser - statt Müll von morgen zu sein - nicht als Materiallager gestaltet werden? Zirkulär zu bauen bedeutet für uns zum Beispiel biologisch abbaubare Materialien einzusetzen oder Materialien weiterzuverwenden. Diese Themen erforschen wir und sind sehr gespannt, welche weiteren Erkenntnisse wir aus dem Prozess gewinnen werden.

Ikea Cb B3 Crclr Oscedays17 By Zacharie Scheurer Im CRCLR House finden regelmäßig Treffen statt, um Ideen auszutauschen und an gemeinsamen Projekten zu arbeiten. © Zacharie Scheurer

Wie finanziert sich das CRCLR House?

Unser Geschäftsmodell ist ganz simpel und basiert aktuell auf drei Umsatzkanälen: Wir vermieten Schreibtische in unserem Coworking-Space und setzen thematisch passende Veranstaltungen und Projekte um. Ein großes Haus, der Bau und der Betrieb wollen allerdings auch vorfinanziert werden – da arbeiten wir mit Social Impact Investoren zusammen.

An welchen Projekten arbeitet ihr gerade?

Derzeit arbeiten wir auf Hochtouren am Thema zirkulärer Bau, da ein Umbau des CRCLR House für 2019 geplant ist. Doch bis Ende des Jahres 2018 finden bei uns im Haus noch viele spannende thematische Veranstaltungen statt, wie beispielsweise ein Gebrauchtwaren-Weihnachtsmarkt. Außerdem sind wir in Neukölln als Mehrwegeberater unterwegs, um in der Gastronomie den Müll aus dem To-Go-Bereich zu reduzieren.

Bei IKEA ist Nachhaltigkeit auch ein wichtiges Thema. Was sagt ihr dazu, dass auch große Unternehmen sich dem Thema Nachhaltigkeit immer mehr annehmen?

Je mehr Unternehmen, Projekte und Menschen sich der zirkulären Wirtschaft zuwenden, umso besser! Wir brauchen einen Sinneswandel, was nachhaltigeres Leben und Arbeiten angeht. Die Art und Weise, wie wir mit Ressourcen umgehen, muss ganz neu gedacht werden. Die Devise lautet hier: Zirkularität statt Linearität! Wenn große Unternehmen sich nachhaltigen und sogar zirkulären Praktiken verschreiben und wirklich Änderungen in ihren Arbeits- und Produktionsprozessen herbeiführen, finden wir das toll und unterstützen sie auch gerne dabei!

Ikea Cb B4 Crclr Team Das CRCLR House Team um Alice Grindhammer (rechts im Bild). © Alexander Mercutio

Im Rahmen einer Lernreise zum Thema „Zirkulärer Bau“ habt ihr bereits das Innovation Lab Space10 in Kopenhagen besucht, mit dem auch IKEA schon kooperiert hat. Welche Erfahrungen habt ihr dort gesammelt?

Wir freuen uns sehr, dass IKEA sich konkrete Ziele in punkto zirkulärer Ökonomie gesteckt hat. Wir sind große Fans vom Space10 als Experimentierraum für Zirkularität. Der Wissensaustausch mit dem Team vor Ort war inspirierend und bereichernd für unser eigenes Projekt. Und wir sind natürlich sehr gespannt, wie IKEA weiter diese Ziele umsetzen wird – vielleicht ergibt sich in Zukunft ja die Möglichkeit, zusammen an einem Projekt zu arbeiten.

Was ist eure Vision für das CRCLR House? Wie und wo seht ihr es im Jahre 2030?

In unserer Vorstellung ist Europa 2030 auf dem Weg das Leitbild „Circular Europe“ in allen Mitgliedstaaten zu implementieren. In Deutschland sind Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen dabei ihre Arbeits- und Lebensweisen umzustellen. Wir erreichen in absehbarer Zeit die Klimaziele und produzieren jetzt schon fast keinen Abfall mehr. Das Wort „Müll“ muss in der Schule von Lehrern erklärt werden. Schüler kichern dann immer und finden es eklig. ;-) Innovative zirkuläre Lösungen und Geschäftsmodelle haben es möglich gemacht! Als europäische Gesellschaften wählen wir den Weg in eine sozial und ökologisch nachhaltige Zukunft.

Und abschließend: Habt ihr Tipps für das „nachhaltige Bauen“ im eigenen Zuhause?

Beim Bauen ist es wichtig, darauf zu achten, dass alle Materialien später wiederverwendet werden können. Schrauben und Nägel lassen sich häufig gut wiederverwenden – Schrauben ist immer besser als Kleben! Beim Bauen im eigenen Zuhause bedeutet das Stichwort „Materiallager“, dass die verschiedenen Materialien in ihrem möglichst langen Leben oft transformiert werden und viele neue Gestalten annehmen können. Ein Teil eines Bettes wird ein Regalbrett wird eine Sitzbank wird ein Verschlag auf dem Balkon wird ein Gartentisch … und noch vieles mehr!