Stadtvisionale 2018: Auf der Suche nach einer „Wohnrevolution“

Credits: Lilli Lambert und Louisa Marie Nübel

Rupert Jörg ist der Gewinner des Stadtvisionale 2018, bei der sich in diesem Jahr alles um künstlerische Kurzfilme zum Thema Wohnen drehte. Damit setzte sich Rupert Jörgs Film gegen zehn weitere filmischen Beiträgen durch, die es ins Finale des bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerb geschafft hatten. Insgesamt waren etwa 40 Beiträge eingereicht worden. In Jörgs Film „Flurstrasse 2“ zertrümmert die Protagonistin in einer Art Befreiungsschlag das Mobiliar ihrer Wohnung – lustvoll und nicht ohne verhaltene Komik demontiert der Film die Vorstellung häuslicher Behaglichkeit. 

Rupert Joerg  Flurstrasse 2 Credits: Rupert Jörg

Thema Wohnen aus verschiedenen Blickwinkeln

Das Thema Wohnen ist derzeit eines der meistdiskutierten, zumindest in Ballungsräumen wie der Rhein-Main-Region. Für die einen mit Lifestyle verbunden, für die anderen existenziell und kaum mehr zu bezahlen. Ein Thema, bei dem eine gewisse gesellschaftliche Schieflage aufleuchtet. „Die Gesellschaft braucht dringend einen neuen Blick auf das Thema und die Kunst kann da wertvolle Hinweise geben“, sagt Christian Kaufmann, für das Projekt verantwortlicher Studienleiter bei der Evangelischen Akademie in Frankfurt.

In seiner Begrüßung betonte Christian Kaufmann, dass die Evangelische Akademie als Ort des Diskurses immer unterschiedliche gesellschaftliche Blicke auf Themen miteinander in Beziehung setze und an grenzgängerischen Fragen interessiert sei. Insofern liege ihr der künstlerische Blick auf die Stadt am Herzen, weil er imstande sei, andere Perspektiven auf scheinbar bekannte Strukturen zu legen, egal ob soziale oder ästhetische, und neue Zusammenhänge zu schaffen.

Bernhard Marsch Wohnhaft Credits: Bernhard Marsch Susa Templin  Keszthely Credits: Susa Templin

Königsdisziplin Kurzfilm

Bewusst habe man das Medium des künstlerischen Kurzfilmes gewählt: „Dieses Medium muss in konzentrierter Form Dinge auf den Punkt bringen. Es ist damit die Königsdisziplin des Filmemachens. Der Kurzfilm konzentriert experimentelle Bilder, die uns helfen können, die Welt neu zu verstehen, uns selbst neu zu verorten, was angesichts drängender globaler Probleme ja auch immer wichtiger zu werden scheint.“

Eine Fachjury aus Grit Weber, Stellvertretende Direktorin des Museums für angewandte Kunst in Frankfurt, Dr. Justus Jonas, Pressereferent und Kurator der Kunsthochschule in Mainz sowie Gerhard Wissner, Leiter des Kasseler Dok-Festivals, hatte die Final-Beiträge ausgewählt und darunter auch den Preisträger ermittelt.

Anna Fechtig  Nina K Credits: Anna Fechtig Beate Goerdes  Als Einer Vom Koelnberg Credits: Beate Goerdes

Bunte Vielfalt bei den eingesendeten Werken

So vielfältig wie Alter und Herkunft der Filmemacher*innen waren auch die von ihnen gewählten Stilmittel und Inhalte, mit denen sie an das Thema „Wohnen“ herangetreten sind. Und dies sind die zehn weiteren Finalisten:

Dem Motiv des Zwangs widmeten sich gleich zwei Beiträge: So zeigte der Film „Zwang“ von Masha Novikova eine gedankliche Klaustrophobie und den Putzzwang einer behinderten Frau, den diese auf ihre Haushaltshilfe überträgt. Zwanghaft, wenn auch mit heiterem Unterton, ist der Film „Wohnhaft“ von Bernhard Marsch, der diesen selbst als dokumentarisches Porträt eines extensiven „Wohners“, dessen Universum aus den Fugen geraten ist, bezeichnet.
Sehr poetisch dagegen das Video von Susa Templin,das in einem leerstehenden Haus im ungarischen Keszthely spielt. Hier werden die Zimmer zum Schauplatz performativer Handlungen, die sich um das Zeigen und Verbergen von Räumen, Möbeln und Körpern drehen.
Die Fragen, „was ein Haus sagen würde, wenn es reden könnte, welche Geschichten es zu erzählen hätte, was passiert, wenn man einfach mal klingelt?“, beantwortete das Video von Anna Fechtig.
Genau diese Fragen ließ dagegen das Video von Beate Gördes mit dem Titel „Als einer vom Kölnberg“ offen. Während die Tonspur einem Gedicht folgte, das einen Suizid vom Balkon eines Hochhauses in Köln beschreibt, tasteten die Bilder dessen unwirtliche und verschlossene Fassade ab. Zunächst eher unzugänglich zeigten sich die rasterartigen Bilder und Oberflächen-Strukturen auf Sandra Webers Video „Surface Of Safety“. 

Levent Kunt State Of The City Credits: Levent Kunt Florian Schurz Ber Den Dingen Credits: Florian Schurz

Ins Abstrus-Komische dagegen zielte die Geschichte auf dem Video von Lilli Lambert und Louisa Nübel, das die gewohnte Alltagsroutine wie auch gewohnte Rollenverteilungen – etwa bei Frühstücksritualen - in Frage stellte. Ebenfalls fremd erschien zunächst das Video von Nikola Kaloyanov, in dem eine junge Koreanerin (auf Koreanisch) von ihrem Leben in Deutschland erzählte. Der fremden Sprache (vermutlich) nicht mächtig, war man erst einmal auf die Bilder des Films verwiesen, während die deutsche Textübersetzung den Abspann des Films bildete. Ungewohnte Bilder auch auf dem Video von Levent Kunt, der im Industriehafen von Rotterdam auf eine Art Bauernhof und Hühner in der Garage gestoßen war. In Florian Schurz‘ Film „Über den Dingen“ schließlich verfolgte man ein Gespräch des Filmemachers, das dieser, hoch über den Dächern von Berlin mit einem muslimischen Kranführer und buchstäblich über Gott und die Welt führte.

Hauptförderer der Stadtvisionale 2018 war die IKEA Stiftung. Weitere Unterstützung gab es zudem von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, der Sparda-Bank Hessen und dem Förderverein der Evangelischen Akademie.